Sonntag, 2. Dezember 2012

Und jedem Ende wohnt der Zauber eines möglichen Anfangs inne

In der Info-Rundmail des „Netzwerk Bildungsfreiheit“ kurz nach der GHEC ermutigt Jörg Großelümern alle, die „sich konstruktiv in den weiteren Prozess für Bildungsfreiheit einbringen wollen“, sich bei ihm zu melden. Er fügt hinzu: „Entscheidend ist nicht was Sie/Ihr politisch, weltanschaulich, pädagogisch sonst so denkt und vertretet, sondern der Konsens, dass die Eltern und nicht der Staat das letzte Wort bei Bildung und Erziehung der Kinder haben soll. Natürlich sollte jeder, der mitmachen möchte, die Toleranz mitbringen, die er/sie für sich selbst auch erwartet.“

Ich hoffe, mit meiner Reflektion darzustellen, dass dieser Einladung eine inhaltliche Unwahrheit innewohnt: Ist nicht die politische, weltanschauliche, pädagogische Sichtweise selbstverständlich entscheidend? Beruht der gewünschte Konsens denn nicht auf der unwidersprüchlichen Ansicht, derzufolge der junge Mensch als Objekt betrachtet wird – ein Objekt, das es zu erziehen gilt und über dessen Bildung jemand anders zu entscheiden hat? Kann man es anders als „weltanschaulich“ nennen, dass Menschen aufgrund ihres Alters bzw. ihrer Jugend und eines damit verbundenen Status‘ als „minderjähriges Kind“ es nicht wert sein sollen, dass man ihre Rechte vertritt – und eben nicht die Rechte derjenigen, die für sie entscheiden oder gar über sie bestimmen wollen? Und warum soll überdies die pädagogische Sichtweise unwichtig sein? Ist es etwa nicht von Bedeutung, dass gewisse pädagogische Maßnahmen auch dann die Würde des Kindes verletzen und der freien Entfaltung seiner Persönlichkeit mehr ab- als zuträglich sind, wenn Eltern und nicht der Staat diese anwenden?

Da suggeriert wird, niemand, der nicht den entsprechenden Konsens vertritt, wolle sich in den „Prozess der Bildungsfreiheit“ einbringen – und schon gar nicht konstruktiv – erscheint es mir hier dringend notwendig, einmal ganz klar auf eine wesentliche begriffliche und damit verbundene inhaltliche Unterscheidung hinzuweisen: Da das Anliegen, sich für „Bildungsfreiheit“ zu engagieren, im Zuge der GHEC nun auf eine ganz bestimmte Weise definiert wurde, ist dieses unbedingt zu unterscheiden von dem, sich für das „Grundrecht des Menschen, sich frei zu bilden“ einzusetzen (im Grunde war dies schon immer so, aber nun ist Anlass genug, dies noch einmal deutlich klarzustellen). Bei beiden Anliegen spielen die Eltern eine entscheidende, aber völlig unterschiedliche Rolle. Ist es nicht ein gewaltiger Unterschied, ob Eltern auf ihrem eigenen Recht als Eltern pochen oder ob sie sich für den Schutz der Grundrechte ihrer Töchter und Söhne einsetzen? Das Ansinnen, sich Respekt zu verschaffen vor der eigenen Freiheit, als Eltern nach den eigenen religiösen, moralischen, philosophischen und pädagogischen Anschauungen zu handeln, ist ein grundlegend anderes, als sich dafür einzusetzen, dass die wahren Interessen und Bedürfnisse des Kindes respektiert werden.

Was war das Anliegen der Konferenz? Dagmar Neubronner schrieb vor der GHEC: „Der Konflikt, um den es bei unserer Konferenz geht ist: Liegen die Rechte und Pflichten für den Schutz von Kindern, bis sie ihre Rechte selbst wahrnehmen können, in der Familie, also (schon rein rechtlich gesehen) bei den Eltern - ODER BEIM STAAT???“ (1)

Mir stellt sich unweigerlich die Frage: Schutz von Kindern – vor was oder vor wem? Die Familie will offensichtlich die Kinder vor dem Staat schützen, der Staat hingegen will sie vor der Familie schützen! Da kann ich doch nur sagen: herzlichen Glückwunsch zu dieser Pattsituation! Immerhin sind sich beide Parteien in einem Punkt einig: Kinder können ihre Rechte nicht selbst wahrnehmen! Bedauerlicherweise kommen weder Eltern noch Staat auf die Idee, dass hier im Falle der Kinder deren Grundrechte und nicht sie selbst geschützt werden müssen(2) – obwohl es geradezu eine „heilige Verpflichtung“ des freiheitlich-demokratischen Staates ist, diese Grundrechte gesetzlich zu schützen…

Was geschieht stattdessen? Laut Dagmar Neubronner Folgendes:
„Denn DAS ist die große Bedrohung und Gefahr - der Staat fordert immer vehementer die ‚Lufthoheit über den Kinderbetten‘. Wenn wir diese Tendenz weiter zulassen, dann werden unsere Kinder in Zukunft nicht mehr (sehr unterschiedlichen, aber ganz überwiegend wohlmeinenden und liebevollen) Eltern zugeordnet sein, sondern einer bürokratischen Maschinerie. DAS zu verhindern bzw. den bereits in Form des Schulzwangs bestehenden Zugriff auch in Deutschland endlich zu lockern, ist das Anliegen der Konferenz.“

Wie ist diese Aussage nun zu verstehen? Ich habe dazu zweierlei Ideen:
1. Wenn der Staat entgegen seiner Verpflichtung, die Grundrechte aller Menschen zu schützen, sich ihrer quasi zu bemächtigen und sie einer bürokratischen Maschinerie zu unterwerfen versucht, so sollte dies verhindert werden. Nun würde ich Dagmar Neubronner an dieser Stelle gern fragen: War es das, was Ihr wolltet und stimmt das, was Ihr getan habt, damit überein? Habt Ihr Euch als Eltern dafür eingesetzt, dass die Grundrechte Eurer Kinder geschützt werden bzw. habt Ihr Euch gegen die Missachtung der Grundrechte Eurer Kinder ausgesprochen?
2. Oder war vielleicht das entscheidende Anliegen, sich die „Lufthoheit über den Kinderbetten“ nicht nehmen zu lassen, sich also das Vorrecht auf Erziehung und Bildung der Kinder zurück zu erobern? Ging es somit um einen Machtkampf um die Erziehungs- bzw. Bildungsherrschaft? Auch hier möchte ich wieder die Frage stellen: Stimmt das Ergebnis der GHEC mit diesem Ziel überein?

Schauen wir uns das Ergebnis der GHEC 2012 an: Eine im Namen aller Teilnehmenden ausgesprochene Resolution, “The Berlin Declaration, the first of its kind”(3), wie es im „The New American“(4) heißt (übrigens nicht zu verwechseln mit der – vielleicht unbekannten, vielleicht vergessenen – „Berlin Declaration of Freedom in Education“ aus dem Jahre 2008(5)). Auf zwei der darin beschlossenen sechs Punkte(6) möchte ich kurz eingehen: 

„Wherefore we now,
(…) 2. Urge all members of the international community to take concrete steps to affirm in their law, policy, and civil and criminal procedures that parents have a natural and fundamental right to direct the education and upbringing of their children which includes the right to choose the type of education their child shall receive including home education”

War das Ziel der GHEC nun Bildungsfreiheit oder Erziehungsfreiheit? Könnte der in den Vordergrund gerückte Anspruch auf freie Bildung nicht als Alibi für die elterliche Erziehungsmacht missbraucht werden? Ich bin gespannt, wie die offizielle deutsche Übersetzung von „home education“ lauten wird, da dieser Begriff gar nicht eindeutig übersetzt werden kann. Meines Erachtens ist es an sich nicht entscheidend, wie dieser Begriff nun definiert wird (ob als „Bildung zu Hause“, „Freilernen“, „Hausunterricht“, „Homeschooling“, „Unschooling“, „schulfreies Lernen“ oder sonstwie), sondern wer ihn definiert! Die zitierte Forderung in der „Berlin Declaration“ macht nicht nur deutlich, dass hier die Eltern die Definitionsmacht für sich beanspruchen; unverkennbar ist hier auch, dass Kinder unhinterfragt als Objekte angesehen werden, denen eine von Eltern gelenkte, geleitete, angeordnete Bildung und Erziehung zuteilwerden soll. Ist dies nun im Sinne der Grundrechte ihrer Kinder? Ganz sicher doch nicht, denn ist es nicht gegen die Würde eines jeden Menschen, zum Erziehungsobjekt degradiert zu werden?

“5. Request the global home education community take active steps to communicate this resolution to their governments and to take all steps necessary to recognize the right of families to home education as a non-derogable and fundamental human right regardless of the motivation or methodology of those who chose it“

Wie ist das nun zu verstehen? Das Recht von „Familien“ auf „home education“ soll anerkannt werden „als ein nicht einzuschränkendes und grundsätzliches Menschenrecht, ungeachtet der Motivation oder Methode derer, die diese (Form der Bildung) gewählt haben“? Eine Familie besteht aus mehreren Personen, deren Interessen und Grundbedürfnisse grundverschieden sein können. Wessen Interesse soll denn im Vordergrund stehen? Wessen Bedürfnisse sollen erfüllt werden? Auf diese Fragen hatte Dagmar ja schon vor der GHEC eine Antwort:

„Wie die Verantwortlichkeiten innerhalb der Familie verteilt sein sollen, wie jeder von uns mit Kindern leben will, darüber können wir uns austauschen, diskutieren, streiten, wenn gesichert ist, dass wir als Eltern überhaupt die Möglichkeit haben, Entscheidungen zu treffen, z.B. unsere Kinder demokratisch-selbstbestimmt, vegan, unerzogen, schulfrei, wie-auch-immer leben zu lassen.“

Beim Lesen dieser Aussage musste ich echt schlucken! Ist die Degradierung des Kindes zum Erziehungsobjekt, dessen Wohlergehen davon abhängig sein soll, wie wohlmeinend und liebevoll es nun leben gelassen wird, weniger entwürdigend, wenn sie durch Eltern erfolgt statt durch einen übergriffigen Staat? Nebenbei bemerkt ist wohlmeinend nicht unbedingt wohltuend, und die Tatsache, dass Eltern sich als liebevoll empfinden, bedeutet nicht unbedingt, dass die Kinder sie auch als liebevoll wahrnehmen. Wer hat das Recht zu entscheiden, was er oder sie essen will? Wer soll entscheiden dürfen, ob er oder sie in die Schule gehen will? Sollen Eltern ihr Kind auch gegen dessen Willen einer häuslichen Beschulung unterziehen dürfen?

Mich beunruhigt in besonderem Maße die Erkenntnis, dass hier anscheinend im Sinne eines Wunsches nach Konsens entscheidende menschliche und freiheitlich-demokratische Werte über den Haufen geworfen wurden und werden.

„Es geht darum, die Kinder vor dem Zugriff einer überbordenden Institutionalisierung und Verplanung durch den Staat zu bewahren, und für dieses Ziel arbeite ich mit allen Menschen zusammen, die dasselbe Ziel haben“, schrieb Dagmar Neubronner in ihrer Stellungnahme.

Und ist die GHEC ihrem Ziel näher gekommen? Hat sie die konkrete, unmissverständliche und kompromisslose Forderung aufgestellt, dass jegliche Übergriffe auf die Würde und die Freiheit des jungen Menschen vom Staat zu unterlassen sind? Habt Ihr den Staat vielmehr daran erinnert, dass er eben diese gesetzlich verankerten Menschenrechte (die als Abwehrrechte den Menschen vor eben solchen Übergriffen schützen sollen) bedingungslos zu schützen sich verpflichtet hat? Oder habt Ihr im Sinne eines Konsens das eigentliche Anliegen – und ich bezweifle, dass dieses je wirklich bestanden hat – geopfert, nämlich den Respekt vor der Würde Eurer Kinder zu fordern? Geopfert für was? Für ein Ansinnen, welches – aus leidiger Erfahrung – bedauerlicherweise zum Scheitern verurteilt ist! Warum soll man versuchen, mit dem Kopf durch die Wand zu laufen, wenn daneben die Tür ist (auch wenn dies mit mehreren Menschen gemeinsam vielleicht nicht ganz so einsam ist)?

Für Elternrechte zu kämpfen ist schon allein aus dem Grunde zum Scheitern verurteilt, weil es aus einer Opferrolle heraus geschieht. Könnte die GHEC den Rahmen geboten haben, diese Opferrolle zu zelebrieren? Zumindest erscheint es so, wenn man dem „The New American“ Glauben schenken mag(7). Sich als Opfer zu fühlen ist schon deshalb nicht ratsam, weil die damit verbundenen Ängste und Gefühle von Hilflosigkeit die Sicht auf gewisse Tatsachen komplett vernebeln und den Fokus auf das, worum es eigentlich gehen sollte, unmöglich machen. Dagmar Neubronners Kommentar zeigt dies mehr als deutlich:  

„Auch wenn sie ihre Kinder in ganz anderer Weise erziehen als ich, ihnen ganz andere Werte vermitteln und das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern anders definieren – diese (großen! Da bin ich völlig mit dir einig!) Unterschiede sind angesichts der wirklich riesigen Bedrohung durch Staat, EU etc. zweitrangig.“

Nein!!! Es ist genau umgekehrt! Ein bedrohlicher Staat wird in verhängnisvoller Weise in den Fokus gerückt, und der eigentlich entscheidende Aspekt als „zweitrangig“ in den Hintergrund geschoben. Denn: Wer ist das eigentlich, „der Staat“? Sind wir das nicht alle?! Und was soll das heißen, Eltern müssten erst einmal „überhaupt die Möglichkeit haben, Entscheidungen zu treffen“? Treffen Eltern nicht am laufenden Band Entscheidungen – aber was für welche? Treffen sie Entscheidungen, die wirklich im Sinne ihrer Kinder sind? Genau genommen ist es sogar von zentraler Bedeutung, wie das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern definiert ist – und wie überhaupt „Kind“ definiert ist.

In Bezug auf Eltern ist es berechtigt zu fragen: Können oder vielmehr wollen einstige „Kinder“, welche an das Konzept einer „Kindheit“ glauben, sich der damit verbundenen Konsequenzen bewusst sein oder werden? Ein Konzept, welches viele der angeborenen Kompetenzen des Menschen in seinen ersten Lebensjahren verneint – wie sein von Natur aus bestehendes Bedürfnis und die Fähigkeit, sich zu bilden – und ihn daher nicht gleichermaßen als Mensch respektiert und ernstnimmt? Ein Konzept, welches die als „Kinder“ gehaltenen Menschen in einer regelrechten Unfreiheit gefangen hält? Daher nochmal die Frage: Können oder wollen Menschen, die an dieses Konzept glauben, für die (Bildungs-)Freiheit ihrer Kinder eintreten? Und eine Freiheit wovon soll das sein? Von einem Beschulungszwang durch den Staat, nicht aber von, wenn nicht Zwang, so zumindest einer Absicht zur Beschulung und Erziehung durch die Eltern?

Sosehr ich für die Notwendigkeit einer gesunden Bindung eines Kindes an seine Familie plädiere, sosehr graust es mir bei dem Gedanken an „Eltern“ (ich spreche hier allgemein von Menschen in einer Rolle der Eltern oder Funktion als Eltern und möchte damit niemanden im Speziellen ansprechen oder gar angreifen), wenn ich an die vielen mir begegneten Eltern denke, die in vehementer, gar brutaler Art und Weise Druck auf ihre Kinder ausüben, weil für sie deren gute Leistung und Erfolg wichtiger sind als Glück oder freie Persönlichkeitsentfaltung. Natürlich steckt dahinter meist Angst und Unsicherheit, gibt es doch unter Eltern eine neuartige „Krankheit“ namens „Bildungspanik“. Verunsicherte Eltern verlassen sich lieber auf so manche „Experten“ oder hören auf ein in ihrer Angst verwurzeltes Kontrollbedürfnis. Sie unterziehen ihre Kinder allen möglichen Fördermaßnahmen oder lassen sie gar medikamentös behandeln – anstatt in die gesunden Reaktionen ihrer Kinder zu vertrauen und wirklich in ihrem Sinne zu handeln.

Da oft auf die „vorbildlichen“ Länder ohne Schulanwesenheitszwang verwiesen wird, in denen mehr „Bildungsfreiheit“ herrscht, möchte ich etwas Weiteres in Bezug auf Eltern ergänzen (abgesehen davon, dass wir uns auch einmal die schulischen Zustände dieser Länder anschauen könnten): Im diesbezüglich liberalsten Großbritannien vertraten der Umfrage eines britischen Meinungsforschungsinstituts im Jahre 2011 zufolge 49 Prozent der Eltern die Meinung, an den Schulen solle die Prügelstrafe wieder eingeführt werden(8). In Österreich gibt es eine Kindergartenpflicht, mit welcher die meisten Eltern weitestgehend einverstanden zu sein scheinen! In 19 US-Bundesstaaten ist das Prügeln (mit Paddeln!) an Schulen legal (allerdings darf es dort „keine Prügelstrafe ohne Einwilligung der Eltern geben“(9) – der Respekt vor dem Elternrecht ist also in der Tat höher angesiedelt als bei uns!).

Und hier in Deutschland? Hier herrschen Bedingungen, unter denen Eltern – aus den verschiedensten Gründen, die es geben kann – nicht gewillt oder in der Lage sind oder den Mut haben, die Würde ihrer Kinder zu schützen und im Sinne der Bedürfnisse eben ihrer Kinder zu handeln(10). Aber ist dies im „Land der Freiheit“ wirklich anders? Bei der amerikanischen Autorin Grace Llewellyn, welche das von Dagmar Neubronner in Deutschland herausgegebene „Teenager Befreiungs Handbuch“ geschrieben hat, finde ich eine beunruhigende Antwort auf die Frage, was genau die hochgepriesene Errungenschaft „Bildungsfreiheit“ dort bedeutet:

"Die schwierigsten Briefe (…) stammen von Teenagern, die sich verzweifelt danach sehnen, die Schule zu verlassen und schon alle Taktiken angewendet haben, die ich in Kapitel 10 'Das möglicherweise heikle Thema Eltern' angeführt habe, und deren Eltern ihnen den Schulaustritt dennoch verweigern. Da sich zweifellos viele Teenager in dieser Lage befinden, macht es mich wütend, dass junge Menschen nicht mehr rechtliche Kontrolle über ihr Leben haben. Oft erstaunt mich die Kraft und Kreativität, die aus diesen Briefen spricht und in der sich die Entschlossenheit der Schreiber widerspiegelt, gesund zu bleiben und sich weiterzuentwickeln, obwohl sie weiter zur Schule gehen müssen."(11)

Kann es traurig aber wahr sein, dass junge Menschen im „Land der Bildungsfreiheit“ letztlich genauso wenig frei sind, ihre Bildung in ihrem eigenen Sinne zu gestalten, wie in unserem Land – oder wie vielleicht in jedem Land, in dem das Elternrecht auf Erziehung hochgehalten wird? Aufgrund dieser berechtigten Befürchtung kann ich mich nicht ruhigen Gewissens dem Appell an den Schutz des Elternrechts als einem „nichteinzuschränkenden und grundsätzlichen Menschenrecht“ anschließen. Die im Grundgesetz verankerten Rechte der Person, welche an keine Bedingungen geknüpft sind, sind bedingungslos zu schützen vor jeglichen Übergriffen, egal von wem sie kommen.   

Ist es nicht so, dass an der Stelle, an der eine dringend notwendige (und längst überfällige) Grundsatzdiskussion zum Thema freie Bildung hätte stehen müssen, nun die Global Home Education Conference 2012 stand, deren Motive uns glauben machten, dass etwas Grundsätzliches in der Angelegenheit der „Bildungsfreiheit“ – ja, ich würde sagen, das Wesentliche überhaupt! – nebensächlich und unwichtig sei? Ist es verwunderlich, dass die Menschen, die genau dieses ansprachen, als frontenschaffende Unruhestifter angesehen wurden und werden? Dass diejenigen, denen es wirklich und ohne Umwege und in der Tat kompromisslos um die Person des jungen Menschen und dessen Recht auf freie Bildung geht, nun beschuldigt werden, die Lager zu spalten?

„The New American“ zitiert Dagmar Neubronner folgendermaßen: “’It is very important that we connect with each other, and don't lose our loyalty to each other, and not split into groups. This is very, very important.’ The global home education movement must emphasize what it has in common and support its persecuted members, she concluded.”(12)

Eine solche Aussage suggeriert, es gebe Gemeinsamkeiten hinsichtlich der grundsätzlichen Ziele und alle Unterschiede seien unwichtig und nebensächlich. Sie appelliert an das Zusammengehörigkeitsgefühl und weckt die Hoffnung, man könne alles erreichen, aber nur, wenn alle zusammenhalten. Musste es da nicht zwangsläufig zu einer Spaltung kommen zwischen denen, die sich kritiklos dieser Gruppe anschlossen und denen, die das nicht taten?

Nachdem nun die GHEC vorbei ist und die „Berlin Declaration“ im Namen aller Teilnehmenden verabschiedet wurde, frage ich mich, ob tatsächlich alle, die an der Konferenz teilnahmen, dieser historischen Verlautbarung zustimmten.

“To start with, the declaration was signed by the entire GHEC board. However, as the document was unveiled in front of a packed conference room with close to 200 people from some two dozen countries, GHEC Chairman Himmelstrand said the goal was to continue gathering signatures and support from organizations and individuals around the world, using the document to keep the pressure on hostile governments. The room erupted in applause.“(13)

Sind sich also alle einig, es müsse einen Kampf geben zwischen Eltern und Staat und der richtige Weg sei es, „Druck“ auszuüben? Sind demnach alle Dagmar Neubronners Aufruf gefolgt?

„In diesem Sinne: Lasst uns über unsere unterschiedlichen Ansichten über das Leben mit Kindern gerne diskutieren, aber lasst uns auf der GHEC2012 gemeinsam einstehen für das Recht der Eltern VOR dem Recht des Staates. Wenn wir diese Rechte haben, können diejenigen von uns, die das wollen, sie an ihre Kinder übertragen und sich dafür einsetzen, dass ihre Sichtweise sich verbreitet.“(14)

Ist hier durch den Wunsch, auf das vermeintlich Gemeinsame zu fokussieren und einen Konsens zu schaffen, das eigentlich Wichtige aus dem Blick geraten? Wie wesentlich ist das Recht des Menschen, über seine Bildung selbst zu bestimmen – da es seine natürliche und angeborene Begabung ist, sich bilden zu wollen und zu können, jederzeit? Und teilen wirklich alle, die sich für „Bildungsfreiheit“ einsetzen, die Vorstellung, das Menschenrecht sich frei zu bilden stehe Kindern nur zu, wenn Eltern bereit sind, es ihnen zu übertragen?

Ich erinnere mich an meine spontane Reaktion, als ich einst von dem Anliegen der GHEC erfuhr: meine tiefe Erschütterung, die mich dazu bewogen hatte, mich so kritisch zu äußern. Diese begründete sich durch ganz persönliche Erfahrungen, nicht zuletzt die Entscheidende für den Beginn meines Engagements für „Bildungsfreiheit“. Ich war Dagmar Neubronner bisher zutiefst dankbar gewesen, dass sie das „Teenager Befreiungs Handbuch“ hier in Deutschland herausgegeben hatte, denn das Lesen dieses Buches öffnete mir Herz und Augen. Ich dachte: Endlich ein Buch adressiert an diejenige, um die es beim Thema Bildung gehen muss – die Person selbst! Aber ich kann es eigentlich nicht besser ausdrücken als die Autorin persönlich in ihrem Vorwort an die Eltern:

„Obwohl mir viele dazu geraten haben, habe ich dieses Buch nicht für Sie, die Eltern, geschrieben. Ich habe es für Teenager geschrieben, weil ich mir wünschte, dass jemand für mich als Teenager so ein Buch geschrieben hätte. Ich habe es für Teenager geschrieben, weil ich aufgrund meiner Erinnerungen und Erfahrungen auf dem Standpunkt stehe, dass Teenager ebenso vollwertige Menschen sind wie Erwachsene. Ich habe es für Teenager geschrieben, weil es meiner Meinung nach einen geradezu erschreckenden Mangel an respektvoller, ernsthafter Sachliteratur für Teenager gibt. Kurz gesagt, habe ich es für Teenager geschrieben, weil sie die Fachleute für ihr eigenes Leben sind.“

In Ergänzung zu diesen Worten möchte ich eigene Beobachtungen hinzufügen aus meinem beruflichen Kontext, in dem mir viele sich sorgende, unsichere und klagende Eltern, Lehrer und Erzieher begegnen: Meiner Meinung nach gibt es einen geradezu erschreckenden Mangel an Respekt vor den jungen Menschen selbst – vor ihren ausdrücklichen Willensbekundungen und ihrem kreativen Potenzial und Interesse daran, sich selbstbestimmt den Herausforderungen des Lebens zu stellen; und nicht zuletzt: ein bedauernswerter Mangel an Respekt vor ihrer angeborenen Fähigkeit, sich zu bilden. (Der Tenor der GHEC bildet diesbezüglich keine Ausnahme, oder? Wurden die Erkenntnisse und Erfahrungen schulfrei sich bildender junger Menschen genutzt, um eben diese dem Menschen angeborene Fähigkeit zu verdeutlichen? Oder sollte lediglich damit bewiesen werden, dass Eltern mindestens genauso gut wie der Staat, beziehungsweise sogar besser in der Lage sind, ihre Kinder zu bilden?) Diese Ignoranz – sei sie aus Unwissenheit, Bequemlichkeit, Angst und fehlendem Mut oder anderen Gründen – bricht mir das Herz und ich frage mich: Wer verteidigt eigentlich die Freiheit und Würde junger Menschen, wenn es nicht die Eltern tun und der Staat schon gar nicht?

Ich war bestürzt darüber, dass eine Person, die Grace Llewellyns Buch nicht nur gelesen, sondern auch sich entschieden hat, dieses zu verbreiten, offensichtlich nicht willig oder fähig ist, sich für die Freiheit des jungen Menschen und seines Rechts, sich frei zu bilden, einzusetzen. Mögen die Menschen, die dagegen genau dies wollen, zusammenkommen, um eben diese Freiheit wirklich zum Leben zu erwecken…

Franziska Klinkigt


Quellen
(2)   In diesem Sinne formulierte bereits 1975 Richard Farson in seinem grundlegenden Buch "Menschenrechte für Kinder - die letzte Minderheit" den Satz: "Wir sollten umdenken und nicht mehr die Kinder, sondern ihre Rechte schützen".
Farson, Richard. Menschenrechte für Kinder. Die letzte Minderheit. München: Desch, 1975, S.115 (Orig.: Birthrights. New York & London: Macmillan, 1974).
(6)   Wherefore we now,
1. Condemn the policies of those nations that prohibit the practice of home education and permit the persecution of home educating families through excessive or coercive fines, threats to parental custody and application of criminal sanctions;
2. Urge all members of the international community to take concrete steps to affirm in their law, policy, and civil and criminal procedures that parents have a natural and fundamental right to direct the education and upbringing of their children which includes the right to choose the type of education their child shall receive including home education;
3. Encourage states to consider the growing body of research about home education and take steps to review laws, policies and procedures to make it possible for all parents to participate in this activity;
4. Urge the assistance of human rights bodies, governments, NGOs, elected and appointed government officials and individual citizens to seek greater respect for the fundamental right of parents to choose the kind of education their children receive including home education;
5. Request the global home education community take active steps to communicate this resolution to their governments and to take all steps necessary to recognize the right of families to home education as a non-derogable and fundamental human right regardless of the motivation or methodology of those who chose it;
6. Commit to support freedom, diversity and pluralism in education through formal and informal coordination with the goal of making home education a legitimate educational option in every nation and the right of every family and child.
(7)   http://www.thenewamerican.com/world-news/europe/item/13503-homeschoolers-flee-persecution-in-germany-and-sweden: “Also at the workshop on homeschooling in exile was Dagmar Neubronner, a German home educator and civil rights activist who became the face of the secular home-education movement in Germany’s press. When she took the microphone and began talking, it took her a few moments to stop sobbing. But her story of standing up for her children and their education despite having to flee her homeland clearly inspired the attendees.”
(10) Während die Zahl der krippenbefürwortenden Eltern steigt, begegnet mir kaum eine Erzieherin, die nicht zugibt, dass diese kleinen Kindern „gar nicht hier hergehören“. Die Erzieherin eines Waldkindergartens berichtete mir neulich, es gebe Eltern, die sie energisch an ihren Bildungsauftrag erinnerten – also sollten sie endlich üben, mit der Schere zu schneiden. Lehrerinnen versuchen oft vergeblich, Eltern davon abzubringen, ihre Kinder wegen der Hausaufgaben unter Druck zu setzen. Alternative Schulen, welche versuchen, sich an den Bedürfnissen der Kinder zu orientieren, scheitern oft, weil die Eltern nicht mitmachen. Ein Elternpaar erzählte mir, es mache sich Sorgen, da die Kindergärtnerinnen geäußert hätten, ihr vierjähriger Sohn könne noch nicht so gut mit Zahlen umgehen. Die Mutter eines 6jährigen Mädchens kam drei Monate nach der Einschulung besorgt zu mir, da die Lehrerin geraten hatte, abzuklären, ob die Kleine ADS habe, da sie oft so langsam und verträumt sei. Die deutsche Clonlara-Schule erhält immer häufiger Anrufe von Jugendlichen, die statt in der Schule sich ausdrücklich ohne Schule bilden wollen – aber ihre Eltern unterstützen sie nicht, im Gegenteil, ihnen droht nun die Einweisung in eine psychiatrische Klinik.
(11)  In einer Antwort auf den Leserbrief einer betroffenen jungen Frau schreibt Grace Llewellyn:
"Mich verfolgt immer noch der Fall eines Mädchens, das mit siebzehn Jahren Feuer und Flamme war, die Schule gegen den Willen ihrer Eltern zu verlassen. Sie war erfüllt von Träumen und Plänen, die mir realistisch und aufregend erschienen. Ein Jahr später schrieb sie mir ernüchtert, es sei 'falsch' gewesen, die Schule zu verlassen und ihrer Familie so viele Schwierigkeiten zu bereiten. Sie fühlte sich schuldig und persönlich für all den Kummer verantwortlich, den ihre Eltern erlitten hatten. Unter der Last dieser Schuld war sie nicht imstande gewesen, genug Energie aufzubringen, um die Träume und Pläne zu verwirklichen, die sie ursprünglich so begeistert hatten. Diese Nachricht traf mich hart - warum betrachtete sie es als ihre Schuld und ihren Fehler und nicht als tragische Engstirnigkeit ihrer Eltern? Ungewollt war ich wütend auf ihre Eltern die durch ihre Ignoranz die Träume ihrer Tochter zum Einsturz gebracht hatten. Ihre Geschichte zeigte mir jedoch, dass in manchen Familien der Preis für den 'Ungehorsam' der Kinder zu hoch ist."
Ich frage mich, was muss geschehen, damit es nicht mehr als ‚Ungehorsam‘ angesehen wird, wenn ein Mensch seinen Weg geht?

Kommentare:

  1. Danke für diesen Beitrag!

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Franziska,
    ich habe begonnen Deinen Text zu lesen-leider kann ich mir nicht so viel Zeit nehmen ihn gründlich zu Ende zu lesen,weil meine Kinder mich morgen früh brauchen... Es klingt auch so mühevoll und dogmatisch - nur wenn Kinder alles selber entscheiden können (tun sie das wirklich? Meine waren mit vielem überfordert-) wird alles gut werden!?
    Wie viele Kinder in welchem Alter hast Du? Ich frage aus dem Grund, weil ich inzwischen merke, dass sich im Leben mit meinen Kindern so viel weiterentwickelt, das was ich vor einigen Jahren noch stark vertreten habe, hat sich im Laufe der Zeit relativiert, abgeschliffen, umgeformt. Und das in keinster Weise aus der Resignation! Sondern als Anpassung an unterschiedliche Situationen. Es ist so klasse meine 3 10,13 und 15 Jährigen zu erleben,mit ihnen zu leben! Aber ich wachse ja auch mit jedem Tag, brauche für manche Dinge länger, mache Umwege... Dies gestehe ich auch meinen Mitmenschen zu. Ich stelle immer wieder fest, dass ich nicht die ganze Welt verändern oder retten kann, schon gar nicht, wenn ich GEGEN etwas arbeite, aber meine "kleine" Welt beeinflusse ich inzwischen so, dass es sich gut anfühlt, wir alle Spaß dran haben und Andere immer mehr gerne mitkommen auf dem Weg anders mit unseren/ihren Kindern zu leben.
    Bei der Konferenz ist uns klar geworden, dass es folgende Möglichkeit gibt-andere Länder haben das vorgestellt-: ein Dachverband,der sich aus den verschiedensten Gruppen bildet, vertritt das Recht der Familien über den Ort, wo und wie das Kind aufwächst zu bestimmen und informiert in der Öffentlichkeit über diese Möglichkeit und ist stark bei Schwierigkeiten z.B. bei Rechtsstreitigkeiten.
    Die einzelnen Gruppen oder Personen können ohne Einschränkung ihre Ziele weiterverfolgen!
    Ohne die Bereitschaft aufeinander zuzugehen und der Sache "Die Schulpflicht wird fallen" zuliebe auch Zugeständnisse zu machen, wird sich in Deutschland schwer etwas ändern - wir brauchen uns gegenseitig, um glaubhaft zu werden und um Gewicht zu bekommen.
    Mir tut es leid- als recht neue Freilerner-Mama- soviel Streitereien erleben zu müssen- es kommen viele neue Familien nach, die den Kopf schütteln- vielleicht schafft es eine neue Generation :-)? Schade für jedes Jahr, das verzögert wird...
    Und noch kurz eine Antwort: - NEIN, ich sehe mich nicht als "der Staat"....;-)
    Hoffnungsvolle Grüße, Jael

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Jael,

      ich danke Dir für Deinen Kommentar. Auf Deine Fragen und Anmerkungen will ich gerne eingehen. Allerdings möchte ich Dich zuvor darum bitten, den Beitrag bei Gelegenheit einmal ganz zu lesen, denn vielleicht (vielleicht auch nicht) klären sich dann gewisse Fragen - oder es entstehen neue, vielleicht auch ganz andere.

      Mit bestem Dank und herzlichem Gruß
      Franziska

      Löschen
  3. Hallo Franziska Klinkigt,

    fast erscheint es mir aussichtslos und trotzdem unternehme ich hier noch einmal einen Versuch auf das, was Du geschrieben hast einzugehen. Weil es gefährlich ist. Weil es blockierend wirkt.
    Ich weiß nicht in welcher Situation Du und Deine Kinder sich befinden, aber ich und meine Kinder haben Deutschland nun verlassen. Nicht, weil es uns hier nicht gefallen würde. Sondern weil sich in Deutschland trotz eindeutiger Rechtslage und trotz eindeutig formulierter und von Deutschland grundsätzlich mitgetragener Menschenrechte nichts ändert. Wenn mein Kind nicht zur Schule gehen will muß die Familie halt das Land/ das Haus/ die gewohnte Umgebung/ die Freunde verlassen. Und dazu trägst Du und Deine Blockade- Politik bei.
    Wer soll denn die Gesetze machen? Kinder? Gesetzestexte müssen von Erwachsenen formuliert werden und sie wurden formuliert. Im Grundgesetz steht, dass „Pflege und Erziehung das natürliche Recht und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht“ der Eltern sind. Das schließt die Entscheidung darüber wie und wo sich die Kinder bilden meiner Meinung nach ein. Nur hat sich das eben nicht bis in die jeweilige Ländergesetzgebung und bis in die Schulämter herumgesprochen. Und deshalb werden Eltern, die ihren Kindern Bildung so ermöglichen wollen wie sie es für richtig halten verfolgt und bestraft.
    Kinder sind eben noch keine Erwachsenen. Sie sind schutzbedürftig und sollen sich erst zu selbständig denkenden und handelnden Menschen entwickeln. Dabei brauchen sie Hilfe, Anleitung und Führung. Die Frage ist nur: Wer nimmt diese Aufgabe wahr? Laut Grundgesetz sind „Pflege und Erziehung das natürliche Recht…“ DER ELTERN, aber das hatten wir schon.
    Wer soll denn die Rechte des Kindes festlegen und formulieren? Du? Wer kann in die kleinen Geschöpfe reinschauen? Wer weiß, was sie wirklich brauchen und wollen?
    Da ich Anhängerin von Jean Liedloff und ihrer Idee des Kontinuums bin bin ich fest davon überzeugt, dass es eben dieses Kontinuum gibt, das uns in Form einer „inneren Stimme“ sagt was Kinder brauchen. Als Mutter handele ich danach oder versuche es zumindest.
    Der Staat hat ganz andere Interessen. Meiner Meinung nach ist er gar nicht unbedingt und in jedem Fall daran interessiert Kinder zu selbständig denkenden und handelnden Erwachsenen heranzuziehen. Deutschland braucht dringend Nachwuchs, der in Zukunft widerspruchslos arbeitet und den aufgeblasenen Bürokratieapparat durch seine Steuern und Abgaben finanziert, ebenso die Renten und alles andere was sich dieses Land seit Jahrzehnten leistet und damit völlig über seine Verhältnisse lebt.
    Und in diesem Konflikt befindet sich das Land nun. Deshalb gibt es eben nicht wie bei Jean Liedloff eine homogene Gemeinschaft Erwachsener, an der sich ein Kind in seinem Verhalten orientieren kann und in die es sich eingliedern kann, sondern das Kind steht vor einer gespaltenen Gemeinschaft und damit vor einem Konflikt. Es muß sich quasi für eine Seite entscheiden (so weit es das überhaupt überblicken und einschätzen kann). Und da bestehe ich nun mal auf meinem „natürlichen Recht“ (also noch ÜBER den verfassungsmäßig garantierten Rechten stehend) als Mutter dem Kind MEINE Werte zu vermitteln und es nicht dem Staat zum Fraß vorzuwerfen, der seine Haushaltslöcher stopfen muß, seine Griechenlandhilfen finanzieren muß, seine Schulden abtragen muß. Dieser Staat hat ausreichend unter Beweis gestellt, dass er nicht in der Lage ist zu wirtschaften. Und aus den daraus resultierenden Schwierigkeiten muß er allein rausfinden, er kann das nicht auf dem Rücken meiner Kinder austragen. Man gibt einem Drogenabhängigen nicht immer noch mehr „Stoff“, auch nicht in Form von „Humankapital“.

    AntwortenLöschen
  4. TEIL II:
    Du schreibst: „Ist es nicht ein gewaltiger Unterschied, ob Eltern auf ihrem eigenen Recht als Eltern pochen oder ob sie sich für den Schutz der Grundrechte ihrer Töchter und Söhne einsetzen?“ Die Grundrechte des Menschen, also auch jeden Kindes sind in Deutschland hervorragend geschützt. Sollten Eltern die Grundrechte ihrer Kinder missachten gibt es mehr als genug Möglichkeiten einzuschreiten und die Kinder zu schützen. Was aber nicht ausreichend geschützt wird ist das Elternrecht ihren Kindern Bildungsfreiheit zu ermöglichen. Denn daran sind Eltern normalerweise interessiert.
    Alle die glauben sie müssten die Kinder vor den Eltern schützen fallen meiner Meinung nach auf die fleißig von der Bild- Zeitung und RTL II verbreitete Propaganda herein derzufolge Eltern ihre Kinder normalerweise im Keller einsperren, missbrauchen, verprügeln oder verhungern lassen. Solche bedauerlichen Fälle gibt es, aber sie sind nicht der Normalfall und daran kann sich nicht die Gesetzgebung für ein ganzes Volk orientieren. Es gibt Eltern, die als Eltern versagen, ja. Es gibt auch Arbeitgeber, die als Arbeitgeber versagen, Angestellte, die als Angestellte versagen, Lehrer, die als Lehrer versagen etc. Das allein ist noch kein Grund sämtliche Eltern, Arbeitgeber, Angestellte, Lehrer in ihren Grundrechten zu beschneiden.
    Zum Schluß möchte ich Dir zu Deiner Beruhigung noch mitteilen, dass ich Deutschland NICHT verlassen habe, weil ich meine eigenen Interessen verfolge. Würde es nach mir gehen wäre ich dageblieben und hätte mir mit meiner Familie eine ruhige Adventszeit gemacht. Habe ich aber nicht. Wir müssen das Land verlassen, damit der Staat nicht auf dem Willen meines Kindes, das absolut nicht zur Schule gehen will herumtrampeln kann und es zum Schulbesuch zwingt. Für mich ist das weder angenehm noch bequem. Aber es bleibt mir nichts anderes übrig. Und das verdanke ich unter anderem dieser völlig sinnlosen Diskussion um spezielle Kinderrechte, die dafür sorgt, dass das eigentliche Anliegen – Ende des Schulzwangs – nicht voran kommt.
    Ich wünsche Dir, dass wenigstens Du mit Deiner Familie eine geruhsame Advents- und Weihnachtszeit hast.
    Mit freundlichen Grüßen von Julia Morgenroth

    PS: Gerade noch mal gelesen: „Für Elternrechte zu kämpfen ist schon allein aus dem Grunde zum Scheitern verurteilt, weil es aus einer Opferrolle heraus geschieht“ Wie kommst Du denn auf DEN Blödsinn?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Julia Morgenroth,

      über Deinen Beitrag musste ich intensiv nachdenken, um ihn würdigend zu beantworten. Dabei hat sich mir immer wieder eine Frage aufgedrängt, auf die ich keine eindeutige Antwort fand, wohl aber Mutmaßungen – bis ich erkannte, dass genau diese Frage die Antwort an Dich sein kann. Ist es nicht merkwürdig, daß Du erneut versuchst, auf das einzugehen, was ich geschrieben habe, obwohl es Dir aussichtslos erscheint? Da fragte ich mich: was ist wohl Dein Motiv, Deine Hoffnung, Deine Absicht?

      Ich fragte mich: Schreibt mir da eine Person, die erkennbar verärgert und verzweifelt ist und anscheinend keinen anderen Ausweg aus einer Situation sah, als einen Weg zu gehen, auf dem sie offensichtlich unglücklich ist? Schreibt sie mir, um ihrem Ärger Luft zu machen, um ihren Frust bei jemandem – z. B. mir – abzuladen? Wäre es dann angebracht, gar nicht zu reagieren? Oder erhofft sich diese Person nun mein Mitgefühl? Knallt sie mir Vorwürfe entgegen, um mich gar für ihr Unglück mitverantwortlich zu machen? Käme ich dann nicht leicht in eine Erklärungsnot oder unter den Druck, mich rechtfertigen zu müssen?

      Was kann ich einer Person, die in einem Zustand des Nichtvorstellenkönnens oder -wollens verharrt, noch sagen, was ich nicht schon gesagt habe? Was kann ich einer Person sagen, die sich nicht vorstellen kann, dass auch der jüngste Mensch sehr wohl überblicken und einschätzen kann, was ihm gut tut und was nicht? Was soll ich dieser Person sagen, für die offenbar unvorstellbar ist, dass niemand anders als die kleinen Geschöpfe selbst wissen, was sie brauchen und wollen – und dass sie dies auch von Anfang an kommunizieren (sollen wir denn sie für die Tatsache, dass wir dies möglicherweise nicht immer sofort verstehen oder schlimmstenfalls gar missverstehen, verantwortlich machen)?

      Was kann ich einer Person sagen, die auf der einen Seite – vielleicht sehr treffend – die Interessen des Staates an Kindern als „Humankapital“ beklagt und fast im selben Atemzug sagt, „die Grundrechte des Menschen, also auch jeden Kindes“ seien in Deutschland hervorragend geschützt?

      Was kann ich einer Person sagen, die sich einer Gruppe anschließt – oder zumindest größte Hoffnungen in diese setzt –, die an das politische Mittel der Masse glaubt und für einen massentauglichen Minimalkonsens den Fokus auf den Menschen selbst und sein Recht, frei sich zu bilden, aus dem Auge verliert – womöglich gar niemals den Menschen selbst wirklich im Blick hatte?

      Was kann ich einer Person noch sagen, die an die Bedürftigkeit des Erziehungs- und Bildungsobjektes „Kind“ glaubt und ihre Hoffnungen in einen Machtkampf legt zwischen jenen, welche die Erziehungs-Vorherrschaft für sich beanspruchen – und die sich auf genau die Gesetze beruft, die eben diesen Machtkampf untermauern?

      Was kann ich einer Person sagen, die „Bildung“ als einen Prozess versteht, dem ein Mensch unterzogen werden muss, und nicht als einen Prozess, der aus ihm selbst heraus geschieht aufgrund seines natürlichen Bedürfnisses, die Welt um ihn herum zu verstehen; aufgrund seiner angeborenen Kompetenz, die ihn umgebende Kultur sich anzueignen; ist es nicht der Mensch selbst, der – eingebettet in sein soziales und kulturelles Umfeld – sich bildet, jederzeit und überall?

      (Ende Teil 1)

      Löschen
    2. Liebe Julia, was meinst Du denn eigentlich mit „Bildungsfreiheit“? Ich sehe „Bildung“ nicht als „Angelegenheit der Eltern“ an, sondern als Angelegenheit des Menschen, der nicht anders kann als sich bilden zu wollen. Deshalb plädiere ich kompromisslos für sein Recht auf Freiheit, die genau ihm dies ermöglicht. Denn genau dieses Recht gilt es zu schützen. Dass ein unerfahrener Mensch Begleitung, Beistand und gewisse Informationen braucht, die ihm helfen, sich in einer unbekannten Welt zu orientieren, schließt für mich nicht aus, dass er in seinem Fühlen, Denken und Handeln – und insbesondere als Person! – unbedingt zu respektieren und zu achten ist, ganz gleich, wie jung oder alt dieser Mensch sein mag.

      Mir schien, Du zweifeltest ein wenig an meiner eigenen Betroffenheit in dieser Sache. Erlaube mir den Hinweis darauf, dass sich meine Betroffenheit gerade aus meinem Praxisbezug – meinen beruflichen Erfahrungen sowie den persönlichen mit meinen Töchtern – ableitet; gerade deshalb sehe ich mich geradezu darin bestärkt, statt Deutschland zu verlassen hier andere originelle, innovative Wege zu finden und zu gehen.

      An der Schwelle zum neuen Jahr wünsche ich uns allen, dass wir 2013 solidarisch zu einem grundlegenden Wandel in Fragen der Bildung beitragen; und Dir, liebe Julia, wünsche ich, dass dank unser aller Einsatz Deine Kinder bald in Deutschland in den Genuss des ersehnten Rechtes, frei sich zu bilden, kommen.

      Mit herzlichen Grüßen
      Franziska

      Löschen
  5. Ich bin entsetzt von derart viel Gehirnschmalz. All das klingt grad so, als würden Kinder grundsätzlich irgendwo aus einem Regal genommen und adoptiert, und es ginge darum, die Eigenständigkeit dieses Dings zu wahren. Doch bevor Kinder Teenager sind, sind sie hilflos, sie sind naiv, brauchen rund um die Uhr Zuwendung und werden im Schweiße von Mutter und Vater gezeugt. Hier nun die Frage zu stellen, wer an die Stelle der Eltern tritt, wenn diese nicht selbst gelernt haben Konflikte aggressionsfrei zu lösen, verkennt die tatsächliche Bedrohung aggressiver "Würdenträgen", die es unter Garantie NICHT gelernt haben. Abscheulich naiv! Guten Tag!

    AntwortenLöschen
  6. Ich schliesse mich komplett dem von Julia an, DANKE Julia.
    Ich bitte auch dringend darum endlich mit Wortklaubereien aufzuhören und in allem etwas negatives finden zu wollen wie leider in Deinem Text geschehen, Franziska.
    Es gehört schon sehr viel dazu, Dagmar zu unterstellen sie würde die Rechte der Kinder beschneiden wollen und erziehen wollen.
    Wer ihre Interviews der letzten Jahre verfolgt hat wird sicher nichts dergleichen finden, sondern einzig und allein den Wunsch als Sprachrohr für ihre Kinder dienen zu wollen und für DEREN Rechte eintreten zu wollen.,
    Meine Kinder auf jeden Fall lernen frei und meine Kinder haben keine Lust SELBST für ihre Rechte zu kämpfen, sie möchten ganz klar, dass ICH ihre Rechte vertrete.
    Ich bitte dringend um Vertrauen in Eltern, besondern in Freilerner Eltern, die auf der GHEC waren und als Eltern die Rechte ihrer Kinder vertreten wollen.
    LG
    Carola

    AntwortenLöschen
  7. hallo franziska,

    vielen dank für diesen hervorragenden beitrag! ich komme auch schon seit längerem nicht zurecht mit diesem spannungsverhältnis zwischen dem wunsch nach möglichst freien kindern und dem gleichzeitigen anspruch, als eltern möglichst über alle belange der kinder entscheiden zu können.

    es gibt doch so vieles, was kinder einschränkt - ich wünsche mir nicht nur, dass kindern misshandlungen erspart werden. zu einem möglichst freien kind gehört auch, dass nicht ständig ge- und bewertet wird: was es wie lernt. welche beschäftigung adäquat ist. welcher umgang "gut" ist. welches essen "ungesund" ist. welche bilder schön sind. welche musik gut. etc.pp.
    und mir geht es nicht darum, dass ich diese bewertungen besser übernehmen kann, weil es meine sein sollen, und nicht die des staates. die bewertungen an sich sind das problem.

    deshalb ist auch mir in "home learning" und "homeschooling" definitiv zu viel "home". gerade die emotionale abhängigkeit zwischen eltern und kindern sind ja jetzt nicht gerade top-voraussetzungen für ein verhältnis, das von größtmöglicher freiheit geprägt wird. das einzusehen und damit auch die eigenen eingeschränkten fähigkeiten als wohlmeinende "förderer kindlicher freiheit" zu erkennen, ist für mich der erste schritt auf elternseite, um dem kind überhaupt freiheit geben zu können.

    die teilweise sehr harschen reaktionen hier lese ich auch als beleg dafür, dass das noch nicht sehr weit verbreitet ist. sich den widerspruch einzugestehen zwischen dem freien kind, das selbst weiß, was am besten ist, und dem "ich weiß am besten, was gut für mein kind ist" ist häufig schmerzhaft, das weiß ich aus erfahrung. dadurch wird es aber nicht zur wortklauberei oder zu einer blockadehaltung; dass es ein widerspruch ist, bleibt wahr.

    zwischen schulzwang und unbedingtem elternzugriff liegt eine skala, auf der viel platz ist. schön fände ich, sich dort auf die suche nach freiräumen zu machen, statt den teufel mit dem belzebub austreiben zu wollen.

    es winkt: jule

    AntwortenLöschen
  8. ach, noch ein nachtrag, denn ich denke, hier liegt der eigentliche hase im pfeffer, resp. der dissenz: julia schreibt "dieser völlig sinnlosen Diskussion um spezielle Kinderrechte, die dafür sorgt, dass das eigentliche Anliegen – Ende des Schulzwangs – nicht voran kommt."

    offensichtlich herrscht eben keinerlei konsens über das "eigentliche anliegen". mein eigentliches anliegen ist z.b. ein möglichst freies kind. und zu diesem rom führen sehr viele wege; das ende des schulzwangs kann einer sein. aber ganz andere, tolle, freie schulen kann auch einer sein. eine machtverschiebung von "staat" zu "eltern" spielt auf dem weg zu /meinem/ eigentlichen anliegen eigentlich überhaupt keine rolle; eine machtverschiebung von "staat" zu "kind" und von "eltern" zu "kind" dagegen schon. deshalb wird hier vielleicht einfach nicht um die selbe sache gestritten. freiheit ist für mich kein "spezielles kinderrecht", sondern das eigentliche anliegen. und ich stelle mir dann schon die frage, was denn dann das "eigentliche anliegen" ist, das hinter der überwindung des schulzwangs wartet. und wenn das quasi beliebig ist, also wenn es eltern gibt, deren eigentliches anliegen dabei ist, selbst an staates statt das kind zu formen, und wenn andere dem kind die freiheit geben wollen, die /sie/ ihm eben geben wollen, und wenn auch noch andere auf der suche nach dem freien kind sind, dann ist es m.e. tatsächlich unmöglich, sich auf dieses "eigentliche anliegen" zu einigen, denn dann lauern am endes dieses anliegens eben auch möglichkeiten, die ich mindestens so doof finde wie den status quo.

    AntwortenLöschen
  9. Nach meinem emotionalen Beitrag oben ("Gehirnschmalz") habe ich nun selbst einen Beitrag zum Thema veröffentlicht.

    http://lebenfreiheiterfolg.weebly.com/1/post/2012/12/kinderschutz-kinderfreundlichkeit.html

    Ich hoffe sehr, wir finden unsere Gemeinsamkeit bald, denn auch wenn Eltern Macht über Kinder haben, so haben sie doch nur sehr begrenzt Macht über fremde Kinder. Beim Staate ist dies leider nicht der Fall. Und darum stelle ich die These auf, dass eingeschränkte Freiheiten von Eltern gleichzeitig die Freiheiten von Kindern beschränken.

    Ich wünsche einen guten Jahreswechsel,
    Andi

    AntwortenLöschen
  10. Ich finde es wichtig, sich der Unterschiede bewusst zu sein, die in dieser Diskussion zum Ausdruck kommen. Elternrechte gegen den Staat in Stellung zu bringen oder mit den Grundrechten auch der Kinder (nicht nur) zu argumentieren, kann in deutlichem Widerspruch zueinander stehen. Mit dem Auftreten des HSLDA hat sich dieser Widerspruch verschärft. Da geht es dann nicht nur um unterschiedliche Begründungen, sondern auch um gegensätzliche Ziele!
    Falls es doch wieder Schritte aufeinander zu geben soll, ist es wichtig,
    1. sich der Unterschiede und Widersprüche bewusst zu sein und klar zu haben, dass man sich auch in der Öffentlichkeit immer wieder voneinander abgrenzen können muss, sich also von den Vorstellungen einer "Einheitsfront" verabschiedet. Lesenswert ist dazu auch der Bericht vom Gründungstreffen des Freilernernetzwerkes, in dem Erkenntnisse aus den Vernetzungsprozessen der letzten Jahre angedeutet sind: www.bvnl.de/index.php/aktuelles/695-19112011-bericht-vom-freilerner-netzwerktreffen-in-wimmental).
    2. eindeutig definieren, was die gemeinsamen Ziele sind. In den verschiedenen Gesetzen gibt es durchaus eine Abwägung zwischen Elternrechten und Kinderrechten. Etwa mit dem Recht auf gewaltfreie Erziehung, freie Entfaltung der Persönlichkeit, etc. Es gibt Regelungen, wenn es zum Konflikt zwischen Jugendlichen und Eltern kommt. Man kann im Einzelnen einiges kritisieren und anders haben wollen, jedoch gibt es da als Home Education - Bewegung keine grundsätzlichen gemeinsamen politischen Ziele. Die sehe ich nur bei den konkreten Gesetzesänderungen zur Legalisierung von Home Educaton. Doch da kommt es dann sehr auf die Details an. Wenn es Regelungen gäbe, die explizit auf Homeschooling zugeschnitten sind, könnte das für die hier lebenden Unschooler eine Verschlechterung gegenüber dem Status Quo bedeuten, wenn die Kinder und Jugendlichen dann direkt dem Druck der Behörden ausgesetzt sind.

    AntwortenLöschen
  11. Hallo Franziska,

    die letzten Wochen waren für uns ziemlich turbulent und ich komme jetzt erst dazu Deinen Beitrag zu lesen. Zumindest die Fragen, die Du stellst möchte ich beantworten.

    Zitat: „Ist es nicht merkwürdig, daß Du erneut versuchst, auf das einzugehen, was ich geschrieben habe, obwohl es Dir aussichtslos erscheint? Da fragte ich mich: was ist wohl Dein Motiv, Deine Hoffnung, Deine Absicht?“

    Mein Motiv war wohl, dass ich das was Du schreibst so nicht stehen lassen wollte. Ich finde es kontraproduktiv und ich habe oben ausgeführt warum ich das finde. Es war so etwas wie ein letzter Versuch. Denn ja:
    Ich bin verärgert und verzweifelt. Wir sind eine völlig normale Durchschnittsfamilie, deren Kind einfach nicht zur Schule gehen möchte. Wir sind der Meinung, dass wir sehr gut auch zu Hause für die Bildung unseres Kindes sorgen können. Und genau das geht nicht. Wegen einer solchen Kleinigkeit müssen wir unser Haus und das Land verlassen. Das bringt mich tatsächlich zur Verzweiflung.

    Ich sehe aber auch, dass das alles nichts mit Dir und Deinen Anliegen zu tun hat. Ich habe mir von der GHEC Impulse zur Lösung dieses Problems versprochen, Du kritisierst die GHEC massiv. Da frage ich mich schon warum eigentlich – mir ist jede Initiative recht, die erreicht, dass wir wieder nach Hause können. Das hat aber mit dem was Du willst offensichtlich wenig zu tun.
    I. Wolf bringt es meiner Meinung nach hervorragend auf den Punkt:
    „Man kann im Einzelnen einiges kritisieren und anders haben wollen, jedoch gibt es da als Home Education - Bewegung keine grundsätzlichen gemeinsamen politischen Ziele. Die sehe ich nur bei den konkreten Gesetzesänderungen zur Legalisierung von Home Educaton. Doch da kommt es dann sehr auf die Details an.“
    Ich bezweifle inzwischen sogar, dass wir im Punkt konkrete Gesetzesänderungen an einem Strang ziehen.

    Zitat: „Ich fragte mich: Schreibt mir da eine Person, die erkennbar verärgert und verzweifelt ist und anscheinend keinen anderen Ausweg aus einer Situation sah, als einen Weg zu gehen, auf dem sie offensichtlich unglücklich ist? Schreibt sie mir, um ihrem Ärger Luft zu machen, um ihren Frust bei jemandem – z. B. mir – abzuladen? Wäre es dann angebracht, gar nicht zu reagieren? Oder erhofft sich diese Person nun mein Mitgefühl? Knallt sie mir Vorwürfe entgegen, um mich gar für ihr Unglück mitverantwortlich zu machen?“

    Ja, ich bin verärgert und verzweifelt. Nein, ich sah keinen anderen Ausweg als einen Weg zu gehen, auf dem ich unglücklich bin – besser als wenn mein Kind jahrelang unglücklich sein muß. Ja, ich schrieb auch, um meinem Ärger Luft zu machen, aber nein, ich wollte meinen Frust nicht bei Dir abladen. Mitgefühl erhoffe ich von Dir auch nicht. Und ich mache Dir auch keine Vorwürfe, denn für mein Unglück bin ich ganz allein verantwortlich.

    AntwortenLöschen
  12. Teil II:
    Zitat: „Was kann ich einer Person sagen, die sich nicht vorstellen kann, dass auch der jüngste Mensch sehr wohl überblicken und einschätzen kann, was ihm gut tut und was nicht? Was soll ich dieser Person sagen, für die offenbar unvorstellbar ist, dass niemand anders als die kleinen Geschöpfe selbst wissen, was sie brauchen und wollen – und dass sie dies auch von Anfang an kommunizieren (sollen wir denn sie für die Tatsache, dass wir dies möglicherweise nicht immer sofort verstehen oder schlimmstenfalls gar missverstehen, verantwortlich machen)?“

    Genau das kann ich mir vorstellen. Ich bin sogar überzeugt davon, dass „auch der jüngste Mensch sehr wohl überblicken und einschätzen kann, was ihm gut tut und was nicht.“ Ich fürchte allerdings, dass andere das nicht können, speziell Menschen, die den Schulanwesenheitszwang befürworten. Eben deshalb mussten wir ja gehen. Mein Kind hat deutlich zu verstehen gegeben, dass es nicht zur Schule gehen möchte, also musste ich einen Weg finden es davor zu bewahren.

    Zitat: „Was kann ich einer Person sagen, die auf der einen Seite – vielleicht sehr treffend – die Interessen des Staates an Kindern als „Humankapital“ beklagt und fast im selben Atemzug sagt, „die Grundrechte des Menschen, also auch jeden Kindes“ seien in Deutschland hervorragend geschützt?“

    Wir haben in Deutschland eine hervorragende Gesetzgebung. Speziell das Grundgesetz schützt die Rechte des Einzelnen ausreichend und macht meiner Meinung nach speziell formulierte Kinderrechte überflüssig (da Kinder eben auch Menschen sind). Aus dem Grundgesetz lässt sich auch keine Schulpflicht ableiten.
    Die derzeitige Rechtssprechung sieht das aber anders. Daß ein Kind zur Schule gehen MUSS wird von nur wenigen Menschen hinterfragt, die meisten finden diesen Umstand völlig normal (das ist in den anderen europäischen Ländern nicht anders, nur gibt es dort eben grundsätzlich die Möglichkeit sein Kind auch zu Hause zu unterrichten, im Gegensatz zu Deutschland und Schweden). Das Bundesverfassungsgericht hat es abgelehnt sich mit der Frage der Schulpflicht zu befassen.
    Für die Politik ist die Abschaffung der Schulanwesenheitspflicht offenbar kein vorrangiges Thema, außer den Piraten setzt sich niemand für die Abschaffung der Schulpflicht ein. Möglicherweise ist es auch ganz anders, vielleicht befürchten die Politiker einen Dammbruch, wenn man den Eltern erst mal erlaubt ihre Kinder zu Hause zu behalten. Manche behaupten, dass der Staat die „Lufthoheit über den Kinderbetten“ (SPD-Generalsekretär Olaf Scholz ) will, um willige Arbeitskräfte heranziehen zu können. Mir ist es letzten Endes wurscht, warum der Staat mir das Menschenrecht meine Kinder zu Hause zu unterrichten nicht zugestehen will – aus Ignoranz, Bequemlichkeit, Dummheit oder Kalkül – denn im Ergebnis heißt es für mich und meine Kinder immer das selbe.

    AntwortenLöschen
  13. Teil III:
    Zitat: „Was kann ich einer Person sagen, die „Bildung“ als einen Prozess versteht, dem ein Mensch unterzogen werden muss, und nicht als einen Prozess, der aus ihm selbst heraus geschieht aufgrund seines natürlichen Bedürfnisses, die Welt um ihn herum zu verstehen; aufgrund seiner angeborenen Kompetenz, die ihn umgebende Kultur sich anzueignen.“

    Wenn Du mit dieser Person mich meinst hast Du mich völlig falsch verstanden. Eben weil ich glaube, dass Bildung ein Prozeß ist, der ein natürliches Bedürfnis jedes Menschen ist und aus ihm selbst heraus geschieht erlaube ich es nicht, dass der Staat diesen Prozeß bei meinen Kindern stört und dazwischenpfuscht – notfalls indem ich mit meinen Kindern ins Exil gehe.

    Das war´s von mir an dieser Stelle. Ich sehe keine gemeinsamen Anliegen und ich habe weder Lust noch Energie mich gegen absurde Vorwürfe zu verteidigen wie zum Beispiel den Vorwurf, dass ich meine Kinder manipulieren oder kontrollieren wollte. Die Gesetzeslage in Deutschland ist genau genommen nicht mehr mein Problem, da ich ja nicht mehr dort wohne. Ich wünsche Dir viel Glück bei Deinem Anliegen, auch wenn ich es nicht genau verstanden habe. Die Wortklaubereien und das mangelnde Vertrauen in (Freilerner)- Eltern, die Carola beklagt führen dazu, dass das Anliegen „Ende des Schulzwangs“ nicht vorwärts kommt und genau das scheint ja auch im Sinne vieler zu sein. Jedenfalls ist der Ruf nach mehr Staat, mehr Gesetzen, mehr Regularien NICHT mein Anliegen und deshalb sehe ich auch keinen Sinn mehr darin mich hier noch weiter auseinander zu setzen.
    Mit freundlichen Grüßen von Julia

    AntwortenLöschen
  14. Djane Teil 1

    Mir war vergönnt bereits ein Exemplar der erst Ende März erscheinenden Lektüre "Versuche zur Verteidigung der Freiheit - Diskussionen zur "Bildungsrepublik", welche diesen Blog und die darin enthaltenen Kommentare, sowie private Mailkontakte zwischen den Herausgebern und anderen Diskutierenden in Druckform würdigt lesen zu können. Auch eine private Mail von mir an Franziska ist darin abgedruckt. Nach Beendigung der Lektüre habe ich mich entschlossen meine private Mail auch hier zu veröffentlichen. Ich bitte darum ihren Inhalt zeitlich einzuordnen. Ich möchte mit der nachträglichen Veröffentlichung meiner Mail zur Vervollständigung(!) beitragen, weil sich wahrscheinlich nicht jeder dieses Büchlein kaufen wird. Was dort gedruckt von mir steht, sage ich hiermit auch digital. Hier meine Mail vom 07.12.2012:

    Liebe Franzi,
    eine mutige Veröffentlichung! Ich finde es toll, dass du so klar deutlich machst was im Nebel zu verschwinden droht. In diesem Punkt hast du mehr Klarheit als ich. Die wichtigsten Wege des Lebens geht man oft (vermeintlich) einsam ohne Applaus und Hallelujah-Gesänge (oder wie ein Irrlicht. Aber auch ein Irrlicht ist ein Licht!). Wenn man jedoch ein Stück Weges allein gegangen ist und damit dem Universum deutlich gemacht hat, dass man tatsächlich eine Entscheidung getroffen hat, dann wird man Menschen anziehen, die einem auf diesem neuen Weg folgen. Es müssen nicht Massen sein, die vor deiner Tür Banner hochhalten und Feiergesänge anstimmen. Das braucht keiner. „Alles Große und Edle ist einfacher Natur.“ sagte einmal Gottfried Keller. „Wenn dir das Gedankengut einer Gruppe nicht gefällt, dann gründe eine eigene.“ Leider weiß ich nicht mehr wer das gesagt hat. Und last but not least: “Und sind wir erst zu dritt, dann machen alle mit!“
    Und nun einige spontane Gedanken zu Deinem Beitrag:
    Wer politische Umwälzungsprozesse mit ERWARTUNGEN beginnt, ist schon gescheitert. Ich für meinen Teil bin sogar der Meinung, dass mit dem gegebenen politischen System wenig und zu langsam geändert wird. Um es krasser auszudrücken. Ich warte bis das System sich selbst zerstört und entziehe mich ihm so weit es mir möglich ist. Ich warte bis alles vor die Wand fährt und dadurch alles neu entstehen kann. Frei nach dem Motto: „Stell´ dir vor es ist Krieg und keiner geht hin.“
    Es erscheint mir folgendermaßen: Eine kleinere Gruppe hat einen Minimalkonsens gefunden. Sie möchten in den gegebenen Rahmenbedingungen (politisches System, Gesetzgebung, etc.) das Ziel erreichen ihre Kinder und sich selbst vor dem Staat zu schützen. Sie haben also ein Feindbild. Wer einen Feind hat, hat Angst. Sobald Angstenergie in einer Sache steckt wird es heikel. Eine Angst ist z. B, dass die Gruppe der Bildungsfreiheit-Befürworter nicht groß genug wird. Daher versucht man die Schwelle bei dieser „tollen Sache“ mitzumachen möglichst niedrig zu halten. Möglichst viel Schäfchen sollen sich massentauglich anschließen. Und möglichst viele Schäfchen sollen einsehen, dass der Weg der Minimalkonsens-Truppe der richtige ist. Diese Vorgehensweise ist ein Kernproblem allen politischen Handelns (von Ghandi jetzt mal abgesehen. Ghandi hat unverrückbar und authentisch gesagt und gelebt wie ER es sieht. Alle die im folgten, folgten seiner positiven Energie. Ghandi versuchte nicht aus Eigennutz seine Ziele zu erreichen und das spürten die Menschen. So haben es Jesus und Buddha auch getan. Selbstlosigkeit ist ein hehres Ziel.





    AntwortenLöschen
  15. Djane Teil 2

    Mir fällt ein Auszug ein aus Simone Weils Büchlein „Anmerkung zur generellen Abschaffung der politischen Parteien“. Ich finde diese Gedanken hochinteressant:

    1. Eine politische Partei ist eine Maschine zur Fabrikation kollektiver Leidenschaft.
    2. Eine politische Partei ist eine Organisation, die so konstruiert ist, dass sie kollektiven Druck auf das Denken jedes Menschen ausübt, der ihr angehört.
    3. Der erste und genau genommen einzige Zweck jeder politischen Partei ist ihr eigenes Wachstum, und dies ohne jede Grenze

    Harte Worte, nicht wahr? Oder doch nicht? Wenn wir ehrlich sind, sind sie nicht hart. Sie sind leider wahr. Was für politische Parteien gilt gilt für das Kollektiv gleichermaßen. Ich bin schon länger der Auffassung, dass das Kollektiv an sich problematisch ist. Der Mensch bevorzugt das Individuelle. Er ist ein Individuum und damit Teil eines Ganzen, aber er ist frei. In einem Kollektiv ist er es nicht. Nie.

    Ein weiterer Hemmschuh ist, dass „Mensch“ an sich immer dann vor einer Herausforderung steht, wenn etwas unvorstellbar ist für ihn. In einem Beitrag hier wurde die Frage gestellt:
    „Wer soll denn die Gesetze machen? Kinder? Gesetzestexte müssen von Erwachsenen formuliert werden und sie wurden formuliert.“
    Dieser Satz drückt für mich aus, dass es unvorstellbar erscheint, dass ein „Kind“ so etwas wie Gesetze formulieren könnte.
    Hier könnte auch stehen:
    Im alten Rom:
    Wer soll denn die Gesetze machen? SKLAVEN? Gesetzestexte müssen von BÜRGERN formuliert werden und sie wurden formuliert.
    In Europa vor 100 Jahren:
    Wer soll denn die Gesetze machen? FRAUEN? Gesetzestexte müssen von MÄNNERN formuliert werden und sie wurden formuliert.

    Man könnte noch unzählige Bespiele dieser Art anführen. Es gab immer Zeiten in denen sich bestimmte Gruppen von Menschen etwas nicht vorstellen konnten. Und genau diese Dinge sind heute normal. Alltag!

    AntwortenLöschen
  16. Djane Teil 3

    Unvorstellbarkeit geht einher mit Angst. Sie nimmt einem die Sicherheit, das Altbewährte. Sie verordnet einem Verantwortungsübernahme für eine Entscheidung. Eine ganz persönliche Entscheidung, die man aus reiner, innerer Überzeugung trifft und nicht weil sie gut ankommt… bei den anderen. Mal ganz ehrlich: Wer trifft gerne solche Entscheidungen im Alleingang? Wer nimmt in Kauf unbeliebt zu sein oder zu werden? Wer GLAUBT denn wirklich daran „allein“ etwas bewirken zu können? Wer möchte später für das Ergebnis seiner/ ihrer Entscheidung geradestehen müssen (insbesondere, wenn er/ sie nicht weiß welches Ergebnis es sein wird)? Schwierig, oder? Allerdings meiner Auffassung nach der einzige Weg persönlichen Wachstums.
    Die meisten sind einem Mythos verfallen. Der Mythos lautet, dass man die Dinge und die Systeme denen wir unterworfen sind nicht ändern kann und wenn, dann nur als Kollektiv und meist mit Gewalt. Aber stimmt das wirklich? Hat DAS wirklich funktioniert in der Vergangenheit? Und was wäre, wenn wir uns mal etwas ganz Neues vorstellen? Zum Beispiel, dass wir auf politische Parteien und Kollektive im althergebrachten Sinne verzichten können. Wer sagt denn, dass ein wie oben beschriebener Minimalkonsens ein Heilsbringer ist? Fühlt sich DAS wirklich für alle Beteiligten gut an? Das ist die einzig wichtige Frage die es zu beantworten gilt. Und wenn man dies nicht mit ja beantworten kann, dann ist es schon ein Irrsinn dieses Ziel um jeden Preis weiterzuverfolgen. Ein noch größerer Irrsinn ist Zweifler zu überreden, damit das Kollektiv „stark“ bleibt. Alle bisherigen Hochkulturen sind genau an diesem Punkt gescheitert, nämlich daran etwas voranzutreiben und aufrecht zu erhalten um ihr (angeblich) hehres Ziel zu erreichen. Durch diese Überredung, diese Propaganda wird der kollektive Druck ausgeübt. Und auch das schrieb Simone Weil schon lange bevor es den meisten von uns aufgeht: »Das eingestandene Ziel der Propaganda ist Überredung – und nicht die Verbreitung von Licht und Aufklärung«. Bleibt nur zu hoffen, dass möglichst viele Menschen möglichst bald hinter diesen Irrsinn kommen, damit er aufhören kann.

    Gleiches zieht Gleiches an. Nur wenn wir echt bleiben und unsere Seele nicht verkaufen werden wir Ebensolche treffen, die auch nicht bereit sind es zu tun. Unvorstellbar? Für mich nicht.

    Ganz liebe Grüße Djane

    AntwortenLöschen